Genf fährt das 88. Mal auf Hochtouren

Rechtzeitig zur 88. Edition der Geneva Motor Show hat sich der Genfer Auto-Salon ein neues, grünes (!) Logo verpasst. Was es damit auf sich hat und warum man trotzdem mehr SUV und PS-starke Boliden als E-Autos sieht.

Letzten Donnerstag startete in Genf der 88. Auto-Salon, der noch bis zum 18. März dauert. Und wieder sind sie alle da. Okay, fast alle. So hält sich etwa Tesla erneut fern und wird damit zum Wiederholungstäter; schon 2017 verzichtete man auf einen Stand und entschuldigte sich mit den Worten: «Wir sind kein traditioneller Autobauer, der überall dabei sein muss.» Im Falle von Opel und Infiniti wiederum sind es die hohen Kosten, die für die Absage verantwortlich sind.

2012 in Peking als Konzept präsentiert, ist der Lamborghini Urus jetzt in Genf in Echt zu sehen.

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Doch die anderen Unternehmen sind wie jedes Jahr zahlreich erschienen, und das mit klaren Zielen vor Augen: Neukunden gewinnen, bestehende unterhalten und – vor allem – den Anwesenden zeigen, was man besser kann und tut als andere. Idealerweise geschieht dies im direkten Kontakt. Daher ist es durchaus ein Vorteil, dass man sich aufgrund der hohen Anzahl von Ausstellern (180) auf einer beschränkten Fläche (106’000 Quadratmeter) recht schnell nahekommt und mit einem freundlichen Lächeln den Menschen vom Neben- zum eigenen Stand locken kann. Oder mit einem besonders auffälligen Modell.

Optimismus und Vitalität

Bevor wir uns jedoch intensiver mit den einzelnen Wagentypen auseinandersetzen, kommen uns beim Schlendern über den Salon zwei Fragen in den Sinn. Erstens: warum ein Logo in Froschgrün? Und zweitens: Warum werden immer noch so wenige E-Mobile und immer noch mehr SUV und PS-Boliden auf die Menschheit losgelassen? Die Antworten darauf sind teilweise recht überraschend. So steht das Grün im neuen Logo des Salons für Optimismus und Vitalität und nicht, wie man denken mag, für ökologische Korrektheit. Denn E-Mobile machen, wie gesagt, unter den Neuvorstellungen noch immer einen eher kleinen Anteil aus.

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Lediglich bei den Concept-Cars und Studien setzt man neben dem A wie «autonom» konsequent auch auf das E wie «elektrisch». Ansonsten zeigt man Grösse – in Sachen PS wie auch bei den Ausmassen. Denn für den Kunden steht der Komfort weiterhin klar im Vordergrund, und lange Aufladezeiten, ein immer noch nicht flächendeckendes Versorgungsnetz und die hohen Preise für einen Elektroflitzer machen diese für viele Autobesitzer unattraktiv. Und so gibt es auch 2018 weiterhin viele PS und Raumgefühle in Genf zu sehen.

Hyundai präsentiert beispielsweise bereits die vierte Generation des 7-Sitzers Santa Fe, und Lamborghini öffnet die Türen des 650-PS-SUV Urus, der schon im Vorfeld des Salons als schnellste Geländelimousine gefeiert und auf jeden Fall ein Highlight der diesjährigen Messe ist. Wobei auch andere Neuvorstellungen Begehren wecken. Besonders eben jene mit viel Kraft unter der Haube. Am Stand von Porsche erfreut sich der 540 Pferde starke GT3 RS Facelift grosser Aufmerksamkeit, und Daimler lässt sich mit dem Mercedes-AMG GT R Black Series mit 612 PS nicht lumpen. Vor allem aber haut McLaren mit dem neuen McLaren Senna nicht nur einen 800-PS-Wagen raus, sondern zeigt ein Modell, das es gar nicht mehr zu kaufen gibt: Die limitierte Version hat nämlich bereits vor der eigentlichen Präsentation des Autos ausreichend Abnehmer gefunden.

8 Fakten zum Salon

7 Hallen,106 000 Quadratmeter Fläche,180 Aussteller.

70 Pressekonferenzen, rund 10 000 Medienvertreter.

Geöffnet noch bis 18. März, Mo–Fr10–20 Uhr sowie Sa/So 9–19 Uhr; unter der Woche kostet der Eintritt ab 16 Uhr nur die Hälfte.

Gezeigte Studien (unter anderen): Skoda SUV Vision X, Rimac Concept 2, Toyota Supra sowie die Design-Studien Vision Coupe und Kai Concept von Mazda.

In Kooperation mit Energie Schweiz entstand die App «Salon Car Collector», mit der sich alle Elektro-Mobile am Salon finden lassen.

Volvo zeigt den neuen V60 als Weltpremiere

Der Schweizer Tüftler Rinspeed zeigt mit dem Concept-Car Snap ein Mobilitätssystem, das aus einem fahrbaren Unterbau und verschiedenen Aufbauten besteht, die auch als stationäre Wohlfühloasen dienen können.

Als einzige Uhrenmarke ist TAG Heuer wieder mit einem Stand vertreten und bietet neben hauseigenen Modellen auch fünf exklusive Rennsimulatoren, eine für alle Besucher geöffnete Bar sowie zwei VIP-Salons.

Ein Treffen, das man sich nicht entgehen lässt

Trotz den vielen strahlenden Gesichtern auf dem Salon ist spürbar, dass die Automobilkonzerne unter Druck stehen. Und das eben auch, weil die Teilnahme auf dem Salon mit viel Aufwand, insbesondere finanziell, verbunden ist, so dass das Dabeisein ein gut kalkuliertes Projekt ist, das sich auszahlen muss. Das weiß auch der Veranstalter. André Hefti, Generaldirektor des Automobilsalons Genf, ließ bereits im Vorfeld offiziell verlauten: «Es ist kein Geheimnis mehr, dass die Hersteller heute zweimal nachdenken, bevor sie an einer Messe teilnehmen. Ihre Teilnahme ist mit erheblichen Kosten verbunden und hängt daher von der Präsentation einer Neuheit ab.

Daher überrascht es nicht, dass innert der beiden Messewochen in diesem Jahr nicht weniger als rund 110 neue Modelle gezeigt werden, die sich zum ersten Mal der Welt oder zumindest Europa präsentieren. Und in diese Zahl sind die von den Tuning-Firmen umgebauten Serienfahrzeuge noch nicht einmal eingerechnet. Denn auch das fällt beim Messebesuch schnell auf: Die Anzahl an Manufakturen, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, aus einem sehr guten Auto noch mehr rauszuholen, ist auch in diesem Jahr wieder groß.

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Den erwarteten 700’000 Besuchern wird also viel geboten. Egal, ob man auf der Suche nach einem Neuwagen ist, ob man einfach wissen will, was die Branche gerade bewegt, oder man Freude am Austausch mit Gleichgesinnten hat, Genf wird alldem auch in diesem Jahr wieder gerecht. Und natürlich wird auch an jedem Stand spekuliert, wi e es denn in Deutschland nun weitergeht in Sachen Fahrverbot e für Dieselfahrzeuge. Denn viele Premierenfahrzeuge werden von dem derzeit stark diskutiertem Kraftstoff angetrieben.

So ist der neue Audi A6 in vier Versionen erhältlich, von denen drei mi t einem Dieselmotor fahren. Auch der neue BMW Alpina XD3 komm t mi t einem 3,0-Liter-Reihensechszylinder-Diesel daher. Da sich aber alle in der Euro-6-Norm bewegen, sorgt die gegenwärtig e Situation im Schweizer Nachbarland zwar für Grummeln im Magen, echte Sorgen aber mach t man sich nicht. Zumal viele mit Diesel angetriebene Autos auch für den Export nach Asien gedacht sind.

Es geht daher auch um Emotionen, erlebbar gemachte Emotionen, die all jenen als Argumente dienen, die sich hier nach einem neuen Wagen umschauen. Im persönlichen Gespräch werden einem Studien und Neuvorstellungen im Detail erklärt. Bei Porsche setzt man daher bei der Modellauswahl zuerst auf den Kunden und nicht den kritischen Journalisten, wobei natürlich weiterhin gilt: kein Messeauftritt in Genf ohne Premiere. Ohnehin machen es am Ende nahezu alle Aussteller wie das Zuffenhausener Traditionsunternehmen – gezeigt werden coole Karren mit vielen Extras, die echte Ausnahmeerscheinungen sind und deswegen gut ankommen.

E-Gefühle kommen auf

Der Genfer Autosalon ist somit wirklich einen Besuch wert, und das auch, weil am Ende das Thema Elektromobilität doch noch in den Fokus gerät. Die Enthüllung des neuen Formel-E-Autos mit der Bezeichnung Gen2/SRT05e war schon im Vorfeld des Salons heiß erwartet. Der bereits während der Pressetag e am 6. März präsentierte Rennwagen wird im Zuge der fünften Saison der FIA-Formel-E-Meisterschaft zum ersten Mal und dann als Standardfahrzeug für alle Fahrer in den kommenden drei Jahren zum Einsatz kommen. Mehr Reichweite und mehr Energie sollen für ein verlängertes Rennvergnügen sorgen beziehungsweise: Es braucht kein Wechselfahrzeug mehr. Und das wird einschneidende Veränderungen mit sich bringen, die man – wird die Stadt Zürich alle Auflagen erfüllen können – ja dann beim ersten Schweizer Formel-E-Rennen wird beobachten können.

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Rückblick:

Die verrückten Neuheiten vom Genfer Autosalon 2018

Der Genfer Salon ist die Automesse in Europa mit dem hedonistischsten Ansatz. Überall sieht man Fahrzeuge, die eigentlich keiner braucht. Aber sie geben der Messe Charakter. Sieben skurrile Beispiele.

Es muss daran liegen, dass die Schweiz neutral ist. Und dass sie keine Autoindustrie hat. Darum muss niemand irgendwelche Rücksichten nehmen beim Genfer Automobilsalon, jeder Hersteller kann zeigen, was er für richtig hält.

Und so geht Jahr für Jahr vor allem eine Botschaft von dieser Automesse aus: Das Leben ist schön. Nirgendwo sonst gibt es so viel Hedonismus auf Rädern, und das betrifft nicht nur die exotischen Manufakturen von Pagani bis Zonda. Auch die Großserienhersteller zeigen in Genf mit Vorliebe Autos, die die Welt nicht braucht. Aber irgendwie trotzdem interessant findet.

Maybach G650 Landaulet

Wer an den Mercedes-Stand kommt, der sieht dort einen Pkw, für den man den Kopf in den Nacken legen muss, um ihn ganz zu überblicken. Eine G-Klasse, die nicht nur extra hochgelegt ist (kennt man) und um fast 60 Zentimeter verlängert wurde (kennt man nicht, kann man aber nachvollziehen), sondern auch ein Verdeck über den Rücksitzen trägt (hat man noch nie gesehen).

 

So etwas nennt man Landaulet, und diese Fahrzeuggattung galt eigentlich als ausgestorben – auch weil es hinten ziemlich zieht. Aber die 99 G650-Exemplare, die Mercedes mit zwölf Zylindern, 630 PS und jedem erdenklichen Luxus ausgestattet hat (dafür steht der Name Maybach), fügen diesem Teil der Autohistorie eine leicht Spinette Fußnote hinzu und werden ihre Käufer finden – auch wenn sie pro Stück 630.000 Euro plus Steuer kosten. Um so ein Auto mal auf der Straße zu sehen, wird man aber nicht nach Genf, sondern eher nach Dubai oder Moskau reisen müssen.

AMG GT Concept

Mercedes hat gerade einen Lauf, hat BMW von der Spitze verdrängt bei den Verkaufszahlen von Premiumautos, da kann man sich auch ein paar Extravaganzen bei den Produkten leisten. In Genf sind es sogar zwei: Bei der Sport-Tochter AMG steht die viertürige Version des Sportwagens GT noch als Studie, aber für 2018 ist diese Variante fest geplant.

Bildschön ist das Auto, wie eigentlich alle Limousinen mit lang gezogenem Schrägheck, und vor allem ist es etwas Besonderes, denn viel Konkurrenz gibt es nicht. In der Preisklasse um 150.000 Euro spielt im Wesentlichen der Porsche Panamera Turbo mit, vielleicht noch das BMW M6 Gran Coupé, der Audi RS7 und – mit Abstrichen – der Aston Martin Rapide.

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Mercedes und AMG haben vor einem halben Jahr beim Autosalon in Paris bekannt gegeben, an einem Supersportwagen mit Plug-In-Hybridantrieb zu arbeiten, und Teile von dessen Antriebstechnik stecken schon im GT Concept. Er ist zudem nicht einfach ein verlängerter GT, unterm Blech kommt er etwas bürgerlicher daher, mehr wie die E-Klasse. Der lange GT trägt also das Getriebe nicht hinten, sondern vorn, und bekommt permanenten Allradantrieb.

Honda Civic Type-R

Dass es mit Frontantrieb auch schnell geht, beweist Honda seit Jahr und Tag mit dem Topmodell der Civic-Baureihe. Zwischenzeitlich hielt ein Type-R mal den Nordschleifenrekord für Fronttriebler (derzeit ist es ein VW Golf GTI Clubsport), und man darf sich von seinem Design getrost an die „Fast & Furious“-Serie erinnert fühlen.

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Auch wenn dieses Modell in keinem der sieben Filme vorkam, das war den normalen Civic-Modellen sowie dem Honda S2000 und dem NSX vorbehalten. Aber warum an Fiktion denken, wenn man in der Realität 320 PS hat? Wie jeder Type-R wird auch dieser mal ein gefürchteter Gebrauchtwagen werden.

McLaren 720S

Dagegen ist der neue McLaren mehr auf dem Weg zum Klassiker. Teuer (247.350 Euro), entsprechend selten, hohe Leistung (720 PS) – und momentan haben die Serienautos sogar ein besseres Image als der schwächelnde Rennstall in der Formel 1. McLaren verspricht gegenüber dem Vorgänger 650S mehr Ausstattung (Navigation, Entertainment) und mehr Fahrkomfort bei trotzdem schärferem Charakter.

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Der McLaren 720S beschleunigt in weniger als drei Sekunden von 0 auf 100 km/h

Porsche Panamera Sport Turismo

Wenn man ein neues Auto präsentiert, ist jedes Wort genau gewählt. Am Porsche-Stand ist aber wichtiger, was man nicht sagt: „Kombi“. Dabei ist der Sport Turismo genau das, auch wenn das Heck nicht nach Nutzvolumen, sondern nach Schönheit gestaltet wurde.

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Trotzdem gibt es einen Laderaum (1390 statt 1304 Liter bei der Limousine), und es gibt auf der Rückbank einen dritten Sitzplatz, den es wegen des großen Mitteltunnels sonst beim Panamera nicht gibt. Ob es dagegen genug Kunden gibt für den Kombi, der nicht Kombi heißen darf, ist fraglich: In Porsches Top-Märkten USA und China kauft man jedenfalls solche Autos kaum.

Range Rover Velar

Dieses Schicksal wird das neueste, jetzt vierte Range-Rover-Modell nicht ereilen, denn Geländewagen (und solche, die so aussehen) gehen immer und überall. Der Velar schließt eine Lücke, die außer Land Rover niemand sieht, nämlich die zwischen Range Rover Evoque und Range Rover Sport.

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Allerdings ist der Velar mit 4,80 Metern dem Sport näher als dem kompakten Evoque. Der wahre Grund für dieses Auto ist die Existenz des Jaguar F-Pace – mit dem SUV der Schwestermarke teilt sich der Velar die Basis. Man könnte also auch Range Rover Light sagen.

Ferrari F812 Superfast

Wir schließen unseren Rundgang durch die Welt der sinnlosen, gleichwohl bedeutsamen Automobile mit einem Klassiker des Überflusses: Ferrari. Wenn die Italiener in Genf kein neues Modell vorstellen, dann läuft irgendetwas schief, und dieses Jahr (ihr siebzigstes) beginnen sie mit dem, was sie ihr stärkstes Serienmodell aller Zeiten nennen.

Die 800 PS des 812 Superfast sind in der Tat beeindruckend, doch gab es 2013 in Genf schon den 963 PS starken Hybrid-Renner LaFerrari. Aber bitte: Ferrari macht sich seine eigenen Regeln, die dürfen das, es lässt sich ohnehin nicht verhindern.

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Man könnte lediglich fragen, warum ein so perfektes Auto wie der 812-Vorgänger F12 keine fünf Jahre auf dem Markt sein durfte, bis es abgelöst wurde. Aber das hieße, sich für Autos zu interessieren, die kein Mensch braucht, und das wollten wir ja eigentlich nicht. Oder doch?

Exkurs:

Wie die 68er die Autowelt veränderten

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Der BMW 2002 mit etwa zwei Liter Hubraum ging 1968 in Serie

Revolutionäre Rotationskolbenmotoren, PS-gewaltige Luxusliner und freche Karosseriekonzepte für die Freizeitgesellschaft. Die Autowelt erfand sich auf dem Genfer Automobilsalon 1968 vollkommen neu.

Der Genfer Autosalon hat eine lange Tradition. Vor einem halben Jahrhundert war der Besucheransturm besonders groß: Zeitweise kamen mehr Menschen, als die Messepaläste am Genfer See fassen konnten.

Die automobile Vollversammlung in der UN-Metropole vereinte 1968 erstmals mehr als 100 Marken aus vier Kontinenten, darunter die staatstragenden russischen Tschaika und Zil, einen chinesische Hongqi („Rote Fahne“), vor allem aber einen Tsunami japanischer Modelle, die von der neutralen Schweiz ins restliche Europa vordrangen. Friedlich, versteht sich.

Ungeachtet der Vorboten eines politisch revolutionären 68er-Frühlings präsentierten sich die Protestgefährte der Studentenbewegung harmonisch neben schnellen Sportlern in Schreifarben, Kunststoffflitzern für die aufkommende Freizeitgesellschaft und gleich mehreren Revoluzzern mit Rotationskolbentriebwerken. Brav war verpönt, weshalb der VW 1300 als psychedelisch lackierter „Privat-Käfer“ vorfuhr und Rolls-Royce seine 100.000-Mark-Luxusautomobile erstmals durch Messehostessen „an den Mann bringen wollte“, wie es ein Nachrichtensender nannte.

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Der Audi 60 zählte zu den Genf-Debütanten 1968

Auffallen um fast jeden Preis: Barbusige Damen auf Motorhauben wie bei der British Motor Show waren am Lac Leman zwar nicht erlaubt. Dafür kreischten nun hochtourige Honda-Motoren ähnlich laut wie Formel-1-Triebwerke, Toyota-Modelle sprangen im Umfeld des Salons durch Papiermauern mit der japanischen Flagge und Farben in Pop-Art schmückten Messe-Highlights wie BMW 2002 oder NSU Ro 80.

Die Wankel-Limousine hatte sich schon auf der Frankfurter IAA vorgestellt, wurde jedoch in der Schweiz erneut als Superstar gefeiert. Was auch einer japanischen Rotary-Armada zu verdanken war, mit der nun Mazda nach Europa vordrang. Kreiskolbenmotoren schien die Zukunft zu gehören – ein Irrglaube, wie sich bei der ersten Ölkrise zeigte.

Im März 1968 aber beeindruckte der spektakulär designte Sportwagen Mazda Cosmo Sport 110 S mit dem ersten Wankel mit Vierfach-Vergaser, während die Modelle Mazda R-100 und RX-87 futuristische Wankel-Technik in italienisch inspiriertes Design verpackten.

Exklusive Formen und Fahrzeuge „made in Switzerland“

Die Ateliers der italienischen Alta Moda und der französischen Haute Couture hatten für den Schweizer Catwalk noch weitere Überraschungen im Gepäck. Allen voran Bertone, dessen begnadetes Nachwuchstalent Marcello Gandini einen Gran Turismo vorstellte, der als Lamborghini Espada Geschichte schrieb.

Nie zuvor hatte es einen schnelleren und schärferen V12-Viersitzer gegeben. Damit nicht genug, enthüllte Lamborghini zeitgleich den neuen Zwölfzylinder Islero aus der Carrozzeria Marazzi. Fiat-Designer Dante Giacosa wiederum erfand die moderne Kompaktklasse.

Sein bereits vier Jahre alter Autobianchi Primula zeigte sich in neuer Frühlingsfrische mit Heckklappe, um so gegen junge Konkurrenten wie den Simca 1100 zu punkten. Giovanni Michelotti wiederum beeindruckte mit feinen Formen für den niederländischen DAF 55, der die revolutionäre Riemenautomatik in familientaugliche Größe brachte.

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Der Citroën Méhari war ein offenes Freizeitauto mit Kunststoffkarosserie, er basierte auf der Dyane

Der viersitzige Monteverdi High Speed 375 zeigte, dass exklusive Formen und Fahrzeuge ab sofort auch made in Switzerland sein konnten. Opel legte deshalb speziell für die Schweiz den Kadett als anspruchsvolleren Ascona auf und zeigte mit dem Commodore Voyage, wie ein exklusiver Lifestyle-Kombi aussehen könnte.

Italiens Altmeister Pininfarina wiederum freute sich über die jüngsten Erfolge seiner Kooperation mit dem Haus Peugeot. So hatte er für die kompakte Baureihe 204 einen Entwurf gezeichnet, der bei Peugeot finalisiert worden war und nun vollendete Formen für den damals kleinsten Diesel der Welt bot. Dieser knausrige 1,3-Liter-Vierzylinder nahm einen rußigen Kompaktklasse-Trend vorweg, der ein Jahrzehnt später vom VW Golf aufgegriffen wurde.

Voller Spannung erwartet wurde Anfang 1968 der erste viertürige Volkswagen, mit dem Wolfsburg in die gehobene Mittelklasse vorstoßen wollte. Bis die Heckmotorlimousine unter dem Modellcode 411 als „größter Käfer aller Zeiten“ Schlagzeilen machte, wurde es jedoch Herbst. Dafür traf der Fullsize-VW dann auf den Audi 100, den die Ingolstädter VW-Tochtermarke heimlich entgegen einer Konzernweisung entwickelt hatte.

20.000 Verkehrstote allein auf deutschen Straßen

Zuvor jedoch debütierte in Genf der Audi 60, das preiswerte Volumenmodell im Zeichen der Ringe. Typisch Audi, fuhr der Typ 60 mit Vorderradantrieb vor und leistete so nach Meinung der Medien einen wichtigen Beitrag zur aktiven Sicherheit auf den Straßen – und er passte perfekt auf den Genfer „Salon der Sicherheit“.

Tatsächlich trafen sich fast alle Topmanager der Autoindustrie auf Schweizer Boden, um einheitliche internationale Sicherheitsvorschriften zu fordern. Wie wichtig das damals war, verdeutlichte die unfassbar hohe Zahl von fast 20.000 Verkehrstoten im Jahr allein auf deutschen Straßen.

Noch ein weiteres globales Reglement wurde 1968 durch die Industrievertreter angeregt: die Reinigung der Autoabgase. Wenig später hatten die Hersteller ihr Postulat aber schon vergessen, wie der Widerstand gegen europäische Emissionsvorschriften bewies.

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Der Mercedes-Benz 300 SEL 6.3 war das Spitzenmodell der Modellreihe W 109

Während in Berlin die Kommunarden Rainer Langhans und Fritz Teufel vor Gericht standen, zeigten sich in Genf frische Protestvehikel für alle nicht angepassten Studenten und Intellektuellen. Der Citroën 2 CV feierte seinen 20. Geburtstag mit dem feiner ausstaffierten Schwestermodell Dyane und mit dem puristischen Méhari mit Plastikkarosserie.

Als offener Strandwagen trat der Méhari gegen die VW Buggys an – und den von Renault eilig nachgelegten R4 Plein Air. Bürgerlich-bieder gab sich hingegen der Escort, Ford Europas erster Kleinwagen mit kuriosem Kühlergrill in Hundeknochenform. Unter der Haube loderte beim Escort aber das Feuer der Revolution, zumindest in starker Twin-Cam-Spezifikation, die sich auf Rallye-Pisten vorzugsweise mit Porsche 911 duellierte.

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Der Lamborghini Espada wurde von 1968 bis 1978 gebaut

Überhaupt war Tempo damals wichtig wie noch nie. „Die Welt ist voller Geschwindigkeitsbegrenzungen. Warum wird der Porsche 911 dann jetzt noch schneller?“, fragten die Zuffenhausener Werbetexter. „Der 911 S … ist schnell, wo es lebenswichtig ist: beim Überholen“, lautete die Antwort.

Tatsächlich beschäftigten Beschleunigungswerte erstmals auch Fahrer braver Limousinen. So überraschte die distinguierte Mercedes S-Klasse mit wilder Muscle-Car-Power. Ein 250 PS kräftiger 6,3-Liter-V8 machte aus dem 300 SEL Deutschlands schnellste Serienlimousine, die 6,5 Sekunden für den Null-auf-Hundert-Sprint bedeuteten für Viertürer sogar Weltrekord.

Bei den kompakten Zweitürer war es der BMW 2002, der gewohnte Hierarchien auf den Kopf stellte. Mit einem 2,0-Liter-Vierzylinder konnte der 940 Kilogramm leichte Münchner schnelle Sportwagen vor sich hertreiben. „Tempo und Tempus fugit“, kommentierte ein deutsches Medium diese flüchtige Zeit.

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Ferry Porsche mit einem Porsche 911

Volumen statt Visionen auf dem Genfer Autosalon

Die Autowelt befindet sich im Umbruch. Der Genfer Autosalon schafft es dennoch, dass aus der Messe keine traurige Veranstaltung wird. Eigentlich ist alles wie früher, wenn auch ein wenig elektrischer.

Visionäre Studien, exklusive Supersportwagen und luxuriöse Limousinen – in den vergangenen Jahren war der Genfer Salon ein PS-Paradies, in dem es keine schlechte Stimmung und deshalb auch kaum vernünftige Autos gab. Für Bescheidenheit ist auch in diesem Jahr kein Platz.

Dafür sind die Absatzzahlen trotz des Dieselskandals zu gut, die Auftragsbücher zu voll und die Prognosen zu optimistisch. Doch wenn sich die Motorwelt jetzt am Lac Léman zum Frühlingsgipfel trifft, geht es vor allem um Modelle für die Masse, die allerdings mehr Klasse haben denn je – und zwar in allen Klassen.

Denn egal, ob es nun die neue Mercedes A-Klasse ist mit ihrem spektakulären Infotainment, der Peugeot 508 mit seinem überraschend schönen Design oder der Audi A6 mit seinem knopflosen Bediensystem und seinen 48-Volt-Motoren – selten waren Volumenmodelle so innovativ und auffällig.

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Und das geht in der zweiten Reihe so weiter: Kia Ceed, Volvo V60, das kleine Lexus-SUV UX, ja selbst aus dem Toyota Auris ist ein ansehnliches Auto geworden, das obendrein noch eine Botschaft trägt: Es gibt weder bei diesem noch bei jedem anderen neuen Toyota künftig noch einen Diesel, stattdessen mehr Auswahl bei den Hybriden.

Dazu Geländewagen wie der BMW X4, der Hyundai Santa Fe oder der Honda CR-V, Familienkutschen wie Citroën Berlingo und Peugeot Rifter – fertig ist ein PS-Puzzle, das bunter und vielfältiger ist als in den Jahren zuvor.

Ferrari und McLaren überbieten sich mit Leistung

Und natürlich dürfen dabei auch ein paar Elektroautos nicht fehlen: ein leistungsstärkerer Renault Zoe zum Beispiel, die Hyundai-Doppelspitze aus dem elektrischen Kona und dem Nexo mit Brennstoffzelle und allen voran der Jaguar I-Pace für knapp 500 Kilometer luxuriöser Elektromobilität, mit dem die alte PS-Welt jetzt die Jagd auf Tesla eröffnet.

Zwar beweisen die Hersteller in diesem Jahr ungewöhnlich viel Bodenhaftung, doch so ganz ohne Träume geht es dann doch nicht. Und auch dieses Bestreben ist klassenübergreifend.

Vom 300 PS starken Ateca, mit dem Seat Cupra zur eigenen Marke adelt, über die serienreife Gran-Coupé-Studie des BMW M8 und den viertürigen AMG GT mit bis zu 639 PS bis hin zu straßenzugelassenen Rennwagen wie dem Ferrari 488 Pista oder dem McLaren Senna; beide immerhin das Schnellste, Stärkste und Schärfste, was die jeweiligen Hersteller in diesem Segment bislang von der Leine gelassen haben.

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Lamborghini Terzo Millennio ist ein elektrisches Hypercar-Konzept mit autonomer Fahrfunktion und selbstheilender Karosserie

Und wem der Sinn eher nach Eleganz als nach Eile steht, dem baut Land Rover in einer Kleinserie von 999 Exemplaren von Hand ein Coupé des Range Rovers.

Bei aller Bodenhaftung dürfen natürlich auch ein paar Visionen nicht fehlen. Wobei Autos wie der BMW M8 nur noch pro forma als Studien geführt werden und Porsche-Designchef Michael Mauer selbst den Cross Turismo als nächste Spielart des Mission E nicht ausschließt – zumal die Kreuzung aus SUV und Elektro-Sportwagen perfekt in die Zeit passt und mit über 500 Kilometer Reichweite die elegante Antwort auf das unförmige Model X von Tesla wäre.

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Der Mission E Cross Turismo will ein Porsche für alle Bedürfnisse sein

Den einzigen prominenten Gegenbeweis führt ausgerechnet VW mit dem ID Vizzion. Die Studie für den Phaeton von übermorgen hat nicht nur einen Akku-Antrieb, sondern verzichtet als erster VW überhaupt auf Lenkrad und Pedale und fährt stattdessen mit einem digitalen Chauffeur.

Doch während zum Beispiel das riesige Renault-Robotaxi nur eine Fingerübung ist, ist der ID Vision nicht ganz ohne Hintersinn und Realitätsbezug gebaut. Denn als vierte Spielart der ID-Familie ist eine große Limousine bereits fest eingeplant. Nur die Sache mit dem Autopiloten wird wohl noch ein wenig warten müssen.

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Ferrari 488 Pista – der stärkste V8 in der Geschichte von Ferrari

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Der Cupra e-Racer ist ein Elektro-Rennwagen mit vier Motoren

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McLaren Senna GTR – ein Hypercar der Superlative

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Der Lexus UX ist ein neues Einstiegs-SUV der Toyota-Edelmarke

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Renault EZ-GO, ein elektrisch autonom fahrendes Auto

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Honda bringt den Urban EV, ein kleines E-Auto für die Stadt, 2019 auf den Markt